Warum mir die Zeit zum Studieren fehlt und ich trotzdem mehr lerne als die Meisten

Mitte – 15 Uhr, ich sitze in einem Berliner Café, nutze die Zeit bis zu meinem Termin mit einem Kooperationspartner. Währenddessen tippe ich diese Zeilen – weit weg von meiner Universität in Bremen wo meine Kommilitonen sich vermutlich gerade Skripte durchlesen oder aber prokrastinierend die nächste Netflix-Serie schauen. Wenn wir ehrlich sind, vermutlich eher letzteres.

Seit fünf Jahren gestaltet sich mein Alltag so oder zumindest ähnlich. Ich balanciere meinen Alltag zwischen Zugfahrten, Kundenterminen, Planungstreffen, Telkos und meinem Privatleben – ja, das habe ich auch.

Seit nunmehr fünf Jahren bin ich Mitglied der studentischen Unternehmensberatung
Active e. V.
aus Bremen. Dort war ich zwei Jahre lang Vorstand und habe mehr oder weniger Vollzeit gearbeitet, Konzepte entwickelt, Projekte akquiriert, Netzwerkveranstaltungen besucht – alles neben dem Studium.
Weil mir das nicht genug war, habe ich mich im BDSU dem Öffentlichkeitsarbeitsressort angeschlossen und bin der Studierendeninitiative bonding beigetreten und mich dort um die Weiterbildung der Trainerinnen und Trainer gekümmert.
Seit Oktober bin ich jetzt im Vorstand des Verbands Deutscher Studierendeninitiativen und verantworte den strategischen Bereich Interessenvertretung.
Nebenbei habe ich in den vergangenen drei Jahren acht externe Projekte bei Unternehmen durchgeführt, fünf davon als Projektleitung.

Warum erzähle ich Dir das überhaupt? Damit Du ein Gefühl dafür bekommst, wie mein Leben aussieht und warum es mir so schwer fällt einfach nur zu studieren.
Wie oft ich die Diskussion über meine Ehrenämter mit meinen Eltern mittlerweile führen durfte, habe ich aufgehört zu zählen. Als studentische Beraterinnen und Berater kennen wir das Gespräch fast alle in und auswendig. Wir werden mit Fragen gelöchert: „Wann bist du endlich fertig?“, „Bekommst du Geld für das, was du da tust?“, „Bringt dir das überhaupt was?“.
Ehrliche Antworten sind in diesem Fall „Ich weiß es nicht“, „Die meiste Zeit nein“ und „Ich hoffe doch!“.

Ich habe lange überlegt, warum ich die letzte Frage nicht mit einem klaren ja beantworten kann und ich glaube es liegt vor allem daran, dass unterschiedliche Generationen einfach unterschiedlich ticken und mir die Argumente fehlen, sie zu überzeugen.
Was ich damit sagen möchte: Ich bin keine Vorzeigestudentin, habe zwei Mal das Studium gewechselt (keine Sorge ich kann mir was anrechnen lassen 😉), besuche nicht jede Vorlesung und schreibe auch nicht jede Klausur mit.

 

Aber.. 

Ich lerne in allem was ich für die Initiativen seit Studiumsbeginn mache, mehr als ich es in einer Vorlesung in der mir die Folien nur vorgelesen werden, je könnte. 
Ich wende an, löse Probleme und lerne mit Stress umzugehen, meine Termine zu koordinieren. Ich entwickle mich persönlich weiter und wachse über mich hinaus. Ich könnte problemlos einen Workshop für Geschäftsführer*innen halten, ich habe gelernt zu improvisieren und dabei cool zu bleiben.
Zwei Jahre lang habe ich einen Verein von 60 Studierenden geführt und bin jetzt Vorstand eines Verbands mit über 50.000 Mitgliedern – wer kann das als Student*in schon von sich behaupten?
Im BDSU viele.
Dennoch fällt es vielen Nicht-BDSUler*innen schwer, zu greifen was wir in unserem Ehrenamt eigentlich tun. Der Wert persönliche Weiterentwicklung ist für viele unverständlich. Finanzielle Sicherheit, gute Noten sind hingegen greifbarer.
Verglichen mit den Erfahrungen die man in den Initiativen sammeln kann, erscheint es mir persönlich aber so unbedeutsam.

Spulen wir mal ein paar Jahre vor. Ich bin Berufseinsteigerin und stehe vor einem Problem. Meine Kollegin hat etwas Vergleichbares studiert, gute Noten geschrieben – das Studium mit Auszeichnung absolviert. Wir stehen vor diesem Problem und sie weiß nicht was sie tun soll. Sie kramt in ihrem Kopf in der hintersten Schublade nach etwas von dem sie glaubt, es im ersten Semester gelernt zu haben. Ich hingegen kenne die Lösung für das Problem vielleicht auch nicht, aber habe zumindest eine Idee, einen Ansatz zu beginnen, da ich sicherlich auf eine ähnliche Situation aus einem Projekt oder aus meiner Vorstandstätigkeit zurückgreifen kann.
Ich weiß, dass es sich hierbei um ein fiktives Beispiel handelt, das ich in der Form aber in meinem Nebenjob schon oft erleben durfte. Jetzt und heute, nicht erst in ein paar Jahren.

Schon jetzt finde ich mich dank der Initiativenarbeit besser im Alltag zurecht, kann mit Herausforderungen umgehen und weiß mir zu helfen. Etwas, das keine gute Note ausgleichen kann.

Ich bereue es keinen Tag, diesen Weg im ersten Semester eingeschlagen zu haben und erkläre gerne weiterhin allen, warum es sich absolut lohnt, sich ehrenamtlich zu engagieren.